Aufbruch?

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Sonntag, 15. Februar 2015

Kompliziert globalisiert? Verantwortung heute: Global denken – lokal handeln


Global denken – lokal handeln, diese Aufforderung des amerikanischen Umweltaktivisten David Brower ist heute für viele Organisationen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit zentrales Motto. Wieso eigentlich? Was haben kleine lokale Handlungen mit der großen, komplizierten und schwer zu beeinflussenden Welt zu tun?

Wie einfach muss die Welt früher einmal gewesen sein. Nein, ich meine damit nicht die Leichtigkeit der Kindheit oder die Unkompliziertheit jener goldenen Jahre, als unbefristete Arbeitsverträge noch eher Regel als Ausnahme waren. Nein, ich will nicht jammern.
Worauf ich hinaus möchte liegt in einer Zeit, die noch viel weiter zurück liegt. Ich möchte zurück in die Zeit vor dem Jahr 1764. Wieso? Wer das Schulgeschichtswissen noch halbwegs parat hat erinnert sich vielleicht, das in diesem Jahr James Watt der Dampfmaschine zu einer neuen Effizienz verhalf und damit eine Entwicklung anstieß, die als industrielle Revolution in die Bücher der Chronisten Einzug hielt. Und die uns, neben all den Annehmlichkeiten einen ganz schönen Schlamassel eingebrockt hat. Wovon ich rede?
Vom moralischen Dilemma der globalisierten Welt.
Aber der Reihe nach…
Nahezu alle bekannten moralischen Grundsätze und Handlungsanweisungen fußen auf Ethiken, deren Autoren kein global vernetztes Wirtschaftssystem, keine Langstreckenflüge und keinen günstige Elektrizität kannten. Egal ob wir Aristoteles, Thomas von Aquin oder Immanuel Kant heranziehen, sie haben eines gemeinsam: Menschliche Handlungen hatten in ihrem Verständnis Auswirkungen im Hier und Jetzt, maximal innerhalb absehbarer Zeiträume. Und ihre Wirkungsmacht beschränkte sich auf das Zwischenmenschliche, das aktuelle Miteinander. Und so blieb der Bereich menschlicher Verantwortung relativ klein und überschaubar – moralische Maßstäbe ließen sich verhältnismäßig leicht formulieren und anlegen. Und heute? Allein die Entscheidung für eine bestimmte Sorte Fisch im Supermarkt hat Auswirkungen auf verschiedenen Kontinenten.
Gefangen in Südspanien wird dieser in Marokko verarbeitet, in Rumänien verpackt um schließlich in Oberschwaben gebraten und verspeist zu werden Was früher für einen Wahnsinn gehalten wurde, ist Dank arbeitsteiliger Produktion und vernachlässigbaren Transportkosten, also Dank einer Hightech-Welt vollkommen normal und sogar ökonomisch rentabel geworden. Entscheidungen und Handlungen, die früher wenige Menschen in einem geographisch kleinen Raum und innerhalb eines absehbaren Zeitrahmens betroffen hätten, kommen heute in Kontakt mit Menschenleben auf verschiedenen Kontinenten.
Und das ist erst der Anfang, denn zwei bedeutende Akteure habe ich bisher noch nicht einmal erwähnt. Da ist zum einen die Natur, Ihr war der antike Mensch mehr oder weniger ausgeliefert. Zwar konnte er seine Felder bestellen, Brücken oder Aquädukte bauen und seine Gärten bewässern. Bewusste Macht über die Natur hatte er dennoch in keinem Moment (na gut, Italien wurde von den Römern ganz unbewusst entwaldet – heutige Urlauber bedanken sich).
Mit zunehmender Anwendung von Technik steigerte sich aber auch der menschliche Einfluss auf ökologische Zusammenhänge und entwickelte langsam aber stetig eine starke Eigendynamik. Und ebenso plötzlich wie klammheimlich erweiterte sich unser Verantwortungsbereich um einen ganz ordentlichen Brocken: Heute müssen wir uns bei unseren Handlungen auch unsere Verantwortung gegenüber Mutter Natur bewusst machen.

Diese Verantwortung ist es auch, die uns schließlich zum den letzten und schwächsten Betroffenen unserer Handlungskette führt: Unsere Kinder, Enkel und Urenkel. Das hat mit zwei wichtigen Zusammenhängen zu tun.
Erstens wirken sich all unsere Einflüsse auf das Ökosystem, also unsere Umwelt, nicht mehr nur regional, sondern global aus. Die Konsequenzen aller weltweit ausgeführten Handlungen summieren sich also und haben auf diese Art und Weise eine nochmals gesteigerte Auswirkung. Es würde deshalb nicht reichen, alle Menschen eines Landes zur vernünftigem und nachhaltigem Handeln zu bringen – die Konsequenzen weltweiter Unvernunft würden sich trotzdem auf künftige Generationen in diesem Land auswirken.
Zweitens wirken sich viele unserer Eingriffe in das Ökosystem in einer Art und Weise aus, die nicht mehr oder nur sehr langsam umkehrbar ist.
Konnten sich die Menschen vor der Industrialisierung bei ihrem Streben nach moralisch richtigem Verhalten an Auswirkungen auf das zwischenmenschliche Hier und Jetzt konzentrieren, sehen wir uns heute zusätzlich mit der Dimension globaler Auswirkungen und der Dimension zukünftiger Folgen gegenwärtigen Handelns konfrontiert.

Wer die Vorzüge einer globalisierten Welt also genießt und die mit diesen Vorteilen einhergehende Verantwortung gleichzeitig von sich weist, muss also zumindest den Vorwurf der Widersprüchlichkeit über sich ergehen lassen. Denn bei der Suche nach einer globalen Ethik gilt vor allem eins: Der Einzelne alleine kann zwar nichts ändern, es ändert sich aber auch nichts, wenn der Einzelne sich nicht ändert. Also: Jeder trägt Verantwortung!

Ganz schön gewichtig, diese Bürde? Nicht wirklich – viel eher ist sie der Preis dafür, dass wir die Reise in den Italienurlaub nicht mehr in der Kutsche antreten müssen, wie zum Beispiel Goethe. Oder eben per Holzsegelboot nach Argentinien wie die spanischen Eroberer.
Denn wie wir Schwaben schon lange wissen:

Umsonst ist nur der Tod und der wird mit dem Leben bezahlt!

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