Global denken – lokal
handeln, diese Aufforderung des amerikanischen Umweltaktivisten David Brower
ist heute für viele Organisationen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit zentrales
Motto. Wieso eigentlich? Was haben kleine lokale Handlungen mit der großen,
komplizierten und schwer zu beeinflussenden Welt zu tun?
Wie einfach muss die
Welt früher einmal gewesen sein. Nein, ich meine damit nicht die Leichtigkeit
der Kindheit oder die Unkompliziertheit jener goldenen Jahre, als unbefristete
Arbeitsverträge noch eher Regel als Ausnahme waren. Nein, ich will nicht
jammern.
Worauf ich hinaus
möchte liegt in einer Zeit, die noch viel weiter zurück liegt. Ich möchte zurück
in die Zeit vor dem Jahr 1764. Wieso? Wer das Schulgeschichtswissen noch
halbwegs parat hat erinnert sich vielleicht, das in diesem Jahr James Watt der
Dampfmaschine zu einer neuen Effizienz verhalf und damit eine Entwicklung
anstieß, die als industrielle Revolution in die Bücher der Chronisten
Einzug hielt. Und die uns, neben all den Annehmlichkeiten einen ganz schönen
Schlamassel eingebrockt hat. Wovon ich rede?
Vom moralischen
Dilemma der globalisierten Welt.
Aber der Reihe nach…
Nahezu alle bekannten
moralischen Grundsätze und Handlungsanweisungen fußen auf Ethiken, deren
Autoren kein global vernetztes Wirtschaftssystem, keine Langstreckenflüge und
keinen günstige Elektrizität kannten. Egal ob wir Aristoteles, Thomas von Aquin
oder Immanuel Kant heranziehen, sie haben eines gemeinsam: Menschliche
Handlungen hatten in ihrem Verständnis Auswirkungen im Hier und Jetzt, maximal
innerhalb absehbarer Zeiträume. Und ihre Wirkungsmacht beschränkte sich auf das
Zwischenmenschliche, das aktuelle Miteinander. Und so blieb der Bereich
menschlicher Verantwortung relativ klein und überschaubar – moralische Maßstäbe
ließen sich verhältnismäßig leicht formulieren und anlegen. Und heute? Allein
die Entscheidung für eine bestimmte Sorte Fisch im Supermarkt hat Auswirkungen
auf verschiedenen Kontinenten.
Gefangen in
Südspanien wird dieser in Marokko verarbeitet, in Rumänien verpackt um
schließlich in Oberschwaben gebraten und verspeist zu werden Was früher für
einen Wahnsinn gehalten wurde, ist Dank arbeitsteiliger Produktion und
vernachlässigbaren Transportkosten, also Dank einer Hightech-Welt vollkommen
normal und sogar ökonomisch rentabel geworden. Entscheidungen und Handlungen,
die früher wenige Menschen in einem geographisch kleinen Raum und innerhalb
eines absehbaren Zeitrahmens betroffen hätten, kommen heute in Kontakt mit
Menschenleben auf verschiedenen Kontinenten.
Und das ist erst der
Anfang, denn zwei bedeutende Akteure habe ich bisher noch nicht einmal erwähnt.
Da ist zum einen die Natur, Ihr war der antike Mensch mehr oder weniger
ausgeliefert. Zwar konnte er seine Felder bestellen, Brücken oder Aquädukte
bauen und seine Gärten bewässern. Bewusste Macht über die Natur hatte er
dennoch in keinem Moment (na gut, Italien wurde von den Römern ganz unbewusst
entwaldet – heutige Urlauber bedanken sich).
Mit zunehmender
Anwendung von Technik steigerte sich aber auch der menschliche Einfluss auf ökologische
Zusammenhänge und entwickelte langsam aber stetig eine starke Eigendynamik. Und
ebenso plötzlich wie klammheimlich erweiterte sich unser Verantwortungsbereich
um einen ganz ordentlichen Brocken: Heute müssen wir uns bei unseren Handlungen
auch unsere Verantwortung gegenüber Mutter Natur bewusst machen.
Diese Verantwortung
ist es auch, die uns schließlich zum den letzten und schwächsten Betroffenen
unserer Handlungskette führt: Unsere Kinder, Enkel und Urenkel. Das hat mit
zwei wichtigen Zusammenhängen zu tun.
Erstens wirken sich
all unsere Einflüsse auf das Ökosystem, also unsere Umwelt, nicht mehr nur
regional, sondern global aus. Die Konsequenzen aller weltweit ausgeführten
Handlungen summieren sich also und haben auf diese Art und Weise eine nochmals
gesteigerte Auswirkung. Es würde deshalb nicht reichen, alle Menschen eines
Landes zur vernünftigem und nachhaltigem Handeln zu bringen – die Konsequenzen weltweiter
Unvernunft würden sich trotzdem auf künftige Generationen in diesem Land
auswirken.
Zweitens wirken sich
viele unserer Eingriffe in das Ökosystem in einer Art und Weise aus, die nicht
mehr oder nur sehr langsam umkehrbar ist.
Konnten sich die
Menschen vor der Industrialisierung bei ihrem Streben nach moralisch richtigem
Verhalten an Auswirkungen auf das zwischenmenschliche Hier und Jetzt
konzentrieren, sehen wir uns heute zusätzlich mit der Dimension globaler
Auswirkungen und der Dimension zukünftiger Folgen gegenwärtigen Handelns konfrontiert.
Wer die Vorzüge einer
globalisierten Welt also genießt und die mit diesen Vorteilen einhergehende Verantwortung
gleichzeitig von sich weist, muss also zumindest den Vorwurf der
Widersprüchlichkeit über sich ergehen lassen. Denn bei der Suche nach einer
globalen Ethik gilt vor allem eins: Der Einzelne alleine kann zwar nichts
ändern, es ändert sich aber auch nichts,
wenn der Einzelne sich nicht ändert.
Also: Jeder trägt Verantwortung!
Ganz schön gewichtig,
diese Bürde? Nicht wirklich – viel eher ist sie der Preis dafür, dass wir die
Reise in den Italienurlaub nicht mehr in der Kutsche antreten müssen, wie zum
Beispiel Goethe. Oder eben per Holzsegelboot nach Argentinien wie die
spanischen Eroberer.
Denn wie wir Schwaben
schon lange wissen:
Umsonst ist nur der Tod und der wird mit dem Leben bezahlt!
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