Aufbruch?

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Sonntag, 15. Februar 2015

Buchbesprechung: Outlaws



Der Río Ter trennt im Gerona des Jahres 1978, kurz nach dem Tod des Diktators Franco, zwei Welten. Auf der einen Seite die trostlosen, behelfsmäßig errichteten Viertel, in denen die Ärmsten der Stadt hausen, auf der anderen die Wohnblocks der Mittelschicht. Der Fluss bildet eine klare und allgemein bekannte Grenze zwischen diesen Welten, die nicht überschritten wird. Als Ignacio es doch tut, wird aus dem Durchschnittsjugendlichen mit guten Noten die „Brillenschlange“ und er erlebt in dieser Rolle als Teil einer Jugendbande einen Sommer im Rausch aus Drogen, Kriminalität, Sex und Gewalt.
Angelockt von der schönen Tere und Zarco, dem draufgängerischen Anführer der Bande, lässt Ignacio sein kleinbürgerliches Elternhaus für einen Sommer lang hinter sich und nimmt an den zahlreichen, zunächst kleinkriminellen, Aktionen der Bande teil. Was mit Handtaschendiebstahl und Marihuana beginnt, zieht jedoch sehr bald weitere Kreise. Autodiebstähle, bewaffnete Banküberfälle und harte Drogen folgen und mit dem Tod eines Bandenmitglieds und mehrere schwere Verletzungen zollen die Jugendlichen auch dem zunehmend höheren Risiko ihrer Aktionen Tribut.  Sah es zunächst so aus, als könnte nichts den Erfolg von Zarcos Bande stoppen, endet der Sommer dann so plötzlich wie er begonnen hatte. Eine gezielte Polizeiaktion Zarco nach einem missglückten Banküberfall festnehmen und  raubt der Bande damit ihren Kopf. Die Bande zerbricht und Ignacio, der auf mysteriöse Weise entkommen kann, kehrt auf die andere Seite des Flusses zurück, wo er sich über die Jahre eine Existenz als angesehener Anwalt mit einer eigenen Kanzlei aufbaut. 
In eben dieser Kanzlei holt ihn seine Vergangenheit schließlich ein, als, gut zwanzig Jahre nach seiner Grenzüberschreitung, Tere in seiner Kanzlei auftaucht und ihn darum bittet, Zarco als Anwalt zu vertreten. Dieser hat es in der Zwischenzeit zum berühmtesten Verbrecher Spaniens gebracht und einen Personenkult um sich aufgebaut, der Robin Hood sicherlich gut zu Gesicht gestanden hätte. Ignacio nimmt, angetrieben von seinen starken Gefühlen für Tere und dem idealistischen Glauben an eine Resozialisierung Zarcos, das Mandat an und sieht sich mit einem Mal konfrontiert mit all jenen Fragen, die er über die Jahre erfolgreich verdrängt hatte.

Javier Cercas schreibt über die Grenzen- und Gesetzeslosigkeit der Jugend im Spanien der Jahre nach dem Tod Francos und entführt den Leser in eine Welt, die von Freiheitsstreben, Skrupellosigkeit und der Faszination des Verbotenen geprägt wird. Die wechselnden Gesprächspartner des Erzählers, der als recherchierender Schriftsteller auftritt, beleuchten auf eindrückliche Weise die verschiedenen gesellschaftlichen Sichtweisen und Interpretationen  des Phänomens der Jugendkriminalität. Gesellschaftliche Zwänge, die Ausweglosigkeit des Unterschichtenmilieus und romantisierende Stimmen werden ebenso berücksichtigt wie eine gnadenlose Analyse des menschlichen Wesens und der Grenzen der Resozialisierung. 

Javier Cercas: Outlaws
Erschienen im S. Fischer Verlag

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