Der Río Ter trennt im Gerona des Jahres 1978, kurz nach
dem Tod des Diktators Franco, zwei Welten. Auf der einen Seite die trostlosen,
behelfsmäßig errichteten Viertel, in denen die Ärmsten der Stadt hausen, auf
der anderen die Wohnblocks der Mittelschicht. Der Fluss bildet eine klare und
allgemein bekannte Grenze zwischen diesen Welten, die nicht überschritten wird.
Als Ignacio es doch tut, wird aus dem Durchschnittsjugendlichen mit guten Noten
die „Brillenschlange“ und er erlebt in dieser Rolle als Teil einer Jugendbande
einen Sommer im Rausch aus Drogen, Kriminalität, Sex und Gewalt.
Angelockt von der schönen Tere und Zarco, dem
draufgängerischen Anführer der Bande, lässt Ignacio sein kleinbürgerliches
Elternhaus für einen Sommer lang hinter sich und nimmt an den zahlreichen,
zunächst kleinkriminellen, Aktionen der Bande teil. Was mit
Handtaschendiebstahl und Marihuana beginnt, zieht jedoch sehr bald weitere
Kreise. Autodiebstähle, bewaffnete Banküberfälle und harte Drogen folgen und
mit dem Tod eines Bandenmitglieds und mehrere schwere Verletzungen zollen die
Jugendlichen auch dem zunehmend höheren Risiko ihrer Aktionen Tribut. Sah es zunächst so aus, als könnte nichts den
Erfolg von Zarcos Bande stoppen, endet der Sommer dann so plötzlich wie er
begonnen hatte. Eine gezielte Polizeiaktion Zarco nach einem missglückten
Banküberfall festnehmen und raubt der
Bande damit ihren Kopf. Die Bande zerbricht und Ignacio, der auf mysteriöse
Weise entkommen kann, kehrt auf die andere Seite des Flusses zurück, wo er sich
über die Jahre eine Existenz als angesehener Anwalt mit einer eigenen Kanzlei aufbaut.
In eben dieser Kanzlei holt ihn seine Vergangenheit
schließlich ein, als, gut zwanzig Jahre nach seiner Grenzüberschreitung, Tere
in seiner Kanzlei auftaucht und ihn darum bittet, Zarco als Anwalt zu
vertreten. Dieser hat es in der Zwischenzeit zum berühmtesten Verbrecher
Spaniens gebracht und einen Personenkult um sich aufgebaut, der Robin Hood sicherlich
gut zu Gesicht gestanden hätte. Ignacio nimmt, angetrieben von seinen starken
Gefühlen für Tere und dem idealistischen Glauben an eine Resozialisierung
Zarcos, das Mandat an und sieht sich mit einem Mal konfrontiert mit all jenen
Fragen, die er über die Jahre erfolgreich verdrängt hatte.
Javier Cercas schreibt über die Grenzen- und
Gesetzeslosigkeit der Jugend im Spanien der Jahre nach dem Tod Francos und
entführt den Leser in eine Welt, die von Freiheitsstreben, Skrupellosigkeit und
der Faszination des Verbotenen geprägt wird. Die wechselnden Gesprächspartner
des Erzählers, der als recherchierender Schriftsteller auftritt, beleuchten auf
eindrückliche Weise die verschiedenen gesellschaftlichen Sichtweisen und
Interpretationen des Phänomens der Jugendkriminalität.
Gesellschaftliche Zwänge, die Ausweglosigkeit des Unterschichtenmilieus und
romantisierende Stimmen werden ebenso berücksichtigt wie eine gnadenlose
Analyse des menschlichen Wesens und der Grenzen der Resozialisierung.
Javier Cercas: Outlaws
Erschienen im S. Fischer Verlag
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