Das laute Brummen
des grauen VW Polo weckte mich und erstaunt nahm ich die ersten Anzeichen des
anbrechenden Tages wahr. Aus den Lautsprechern tönte leise Andrés Calamaros
rauchige Stimme, „No hay olvido cuando existe la amistad y el respeto. El
recuerdo de momentos extrañables, de alegría y secretos“ (– Es gibt kein
Vergessen wo Freundschaft und Respekt existieren und die Erinnerung an ersehnte
Momente voller Freude und Geheimnissen.)
Ich erkannte das
Lied. Es trägt den Titel „Nos volveremos a ver“ - Wir werden uns wiedersehen
und war mir in den vergangenen Monaten ein treuer Begleiter gewesen.
Ja, es wird ein
Wiedersehen geben, ganz sicher. Ich war auf dem besten Weg dahin und die Zeilen
holten mich vollständig aus dem Schlaf ins Hier und Jetzt.
Der Blick aus dem
staubigen Fenster der Beifahrerseite lies mich noch mehr staunen. Alles kam mir
bekannt vor – die Schilder am Straßenrand „vendo artensania – verkaufe
Kunsthandwerk, die in regelmäßigen Abständen vorbeiziehenden Kakteen, der
Staub und die Salzspuren auf der hellen Erde. Fast meinte ich, trotz der
Motorengeräusche und den Tönen des dudelnden Rock Nacional, den morgendlichen
Gesang der Cuyuyos draußen hören zu können und das wohlige Gefühl von
Vertrautheit machte sich in mir breit.
Während die Gegend
allmählich städtischer wurde schien auch die Umgebung zu erwachen. Waren wir
bisher vollkommen einsam auf der Straße unterwegs gewesen, tauchten nun Jeeps,
Fahrräder und Motorräder auf der Straße auf.
Hätte ich noch
Orientierungsschwierigkeiten gehabt, sie wären mit dem Anblick der doppelt und
dreifach besetzen Zweiräder endgültig dahin gewesen. Kein Zweifel, ich war
zurück und näherte mich langsam der Mutter aller Städte.
Was sich bisher
als leichtes Kribbeln in der Magengegend angekündigt hatte, verwandelte sich
beim Anblick der Außenbezirke von La Banda – der „Stadt am anderen Ufer“ - in
pure Euphorie. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal Derartiges beim Anblick
von wellblechgedeckten Verkaufsständen fühlen würde.
Im Radio wurde
mittlerweile einer der Klassiker von Andrés Cabas gespielt: Hasta que
apareciste con tu fantasía. Y me pediste
que cantará esa canción, que tanto te sabías. (- Bis du
aufgetaucht bist, mit deiner Fantasie, und mich darum gebeten hast, dieses Lied
zu singen, das du bereits so gut kanntest) und in der Ferne konnte ich im
morgendlichen Nebel die rostige Silhouette der berühmtesten Brücke Santiagos
erkennen. Besungen in zahlreichen Liedern der santiaguenischen Folklore und der
Zeit trotzend schob sich der Puente Carretero über das grüne Bett des süßen
Flusses, des Río Dulce und mir war es als wolle er mich willkommen heißen, in
meinem Zuhause weit weg von daheim.
Pasa la noche con
migo bonita – verbring die Nacht mit mir meine Schöne.. Die letzten Takte
von Cabas „Bonita“ begleitete unsere Fahrt über die zweite Flussbrücke, den
Puente San Francisco Solano und die Einfahrt in Santiago Capital.
O mudate cercá así me visitas. Y no quedaran dudas ni
dolores en nuestros corazones. Pasa la noche y quedate mañana todo el dia.(- Oder zieh in meine Nähe
und besuche mich. Dann blieben keine Zweifel und kein Schmerz in unseren
Herzen. Verbring die Nacht hier und morgen den ganzen Tag.)
Vor dem Fenster
glitten nun langsam die großen und alten Bäume des Parque Aguirre vorbei, die
wohl einzigen noch lebenden Augenzeugen der reichen und mystischen Geschichte
dieser Stadt. In ihrer majestätischen Erhabenheit erinnerten sie mich an all
die Legenden, die sich um Santiago rankten.
Wir näherten uns
dem Zentrum. Mein Herz raste vor Freude als ich die vertrauten Straßenecken
wahrnahm und die Erinnerungen auf mich einstürzten. In der Rivadavia meinte ich
den Geruch von gebratenem Fleisch wahrzunehmen und entdeckte den Milanesawagen
„El Gato“, an dem bereits die Vorbereitungen für den Tag getroffen wurden. Zu
diesem Zeitpunkt gelang es mir bereits nicht mehr meine Euphorie für mich zu
behalten und ich merkte, wie sich ein seeliges Lächeln auf meine Lippen stahl.
Princesa de todos mis palacios. Si me
pudieran dar a elegir. Como y donde yo quisiera morir. Contestaría
acostado.Feliz de estar a tu lado. (- Prinzessin all meiner Paläste. Wenn Sie
mich vor die Wahl stellen würden – wie und wo ich sterben wollte. Ich würde
antworten: Im Bett liegend - und glücklich an deiner Seite zu sein)
Endlich
passierten wir die Kreuzung auf die ich insgeheim die gesamte vierzehnstündige
Reise gewartet hatte und vor der ich auch ein wenig Angst hatte. Esquina Guemes
y Belgrano. Die Ecke, die Überschneidung der Straßen Guemes und Belgrano.
Eine
einfache Straßenecke mit Kiosk, eine wie es viele gab in Santiago. Und doch
soviel mehr. Heimat für ein Jahr für mich..
Und
als die Straßenschilder dann wirklich vor mir auftauchten war ich mir sicher,
dass es in diesem Moment keinen besseren und richtigeren Ort auf dem ganzen
Planeten geben könnte als diesen. Santiago del Estero. Stadt und
Lebensphilosophie. Dieses Fleckchen Erde, dem es mit spielender Leichtigkeit
gelingt, so viele Menschen in seinen Bann zu ziehen und ihre Herzen zu
gewinnen. Nunca hay un adios total siempre es „nos volveremos
a ver“ en algun lugar del tiempo.( - Nie gibt es ein absoluten Abschied, es ist
immer ein „wir werden uns wiedersehen“, irgendwann und irgendwo.)
Nos volveremos a ver.
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