Aufbruch?

Aufbruch?

Sonntag, 15. Februar 2015

Ankunft im Morgengrauen


Das laute Brummen des grauen VW Polo weckte mich und erstaunt nahm ich die ersten Anzeichen des anbrechenden Tages wahr. Aus den Lautsprechern tönte leise Andrés Calamaros rauchige Stimme, „No hay olvido cuando existe la amistad y el respeto. El recuerdo de momentos extrañables, de alegría y secretos“ (– Es gibt kein Vergessen wo Freundschaft und Respekt existieren und die Erinnerung an ersehnte Momente voller Freude und Geheimnissen.)
Ich erkannte das Lied. Es trägt den Titel „Nos volveremos a ver“ - Wir werden uns wiedersehen und war mir in den vergangenen Monaten ein treuer Begleiter gewesen.
Ja, es wird ein Wiedersehen geben, ganz sicher. Ich war auf dem besten Weg dahin und die Zeilen holten mich vollständig aus dem Schlaf ins Hier und Jetzt.
Der Blick aus dem staubigen Fenster der Beifahrerseite lies mich noch mehr staunen. Alles kam mir bekannt vor – die Schilder am Straßenrand „vendo artensania – verkaufe Kunsthandwerk, die in regelmäßigen Abständen vorbeiziehenden Kakteen, der Staub und die Salzspuren auf der hellen Erde. Fast meinte ich, trotz der Motorengeräusche und den Tönen des dudelnden Rock Nacional, den morgendlichen Gesang der Cuyuyos draußen hören zu können und das wohlige Gefühl von Vertrautheit machte sich in mir breit.
Während die Gegend allmählich städtischer wurde schien auch die Umgebung zu erwachen. Waren wir bisher vollkommen einsam auf der Straße unterwegs gewesen, tauchten nun Jeeps, Fahrräder und Motorräder auf der Straße auf.
Hätte ich noch Orientierungsschwierigkeiten gehabt, sie wären mit dem Anblick der doppelt und dreifach besetzen Zweiräder endgültig dahin gewesen. Kein Zweifel, ich war zurück und näherte mich langsam der Mutter aller Städte.
Was sich bisher als leichtes Kribbeln in der Magengegend angekündigt hatte, verwandelte sich beim Anblick der Außenbezirke von La Banda – der „Stadt am anderen Ufer“ - in pure Euphorie. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal Derartiges beim Anblick von wellblechgedeckten Verkaufsständen fühlen würde.
Im Radio wurde mittlerweile einer der Klassiker von Andrés Cabas gespielt: Hasta que apareciste con tu fantasía. Y me pediste que cantará esa canción, que tanto te sabías. (- Bis du aufgetaucht bist, mit deiner Fantasie, und mich darum gebeten hast, dieses Lied zu singen, das du bereits so gut kanntest) und in der Ferne konnte ich im morgendlichen Nebel die rostige Silhouette der berühmtesten Brücke Santiagos erkennen. Besungen in zahlreichen Liedern der santiaguenischen Folklore und der Zeit trotzend schob sich der Puente Carretero über das grüne Bett des süßen Flusses, des Río Dulce und mir war es als wolle er mich willkommen heißen, in meinem Zuhause weit weg von daheim.
Pasa la noche con migo bonita – verbring die Nacht mit mir meine Schöne.. Die letzten Takte von Cabas „Bonita“ begleitete unsere Fahrt über die zweite Flussbrücke, den Puente San Francisco Solano und die Einfahrt in Santiago Capital.



O mudate cercá así me visitas. Y no quedaran dudas ni dolores en nuestros corazones. Pasa la noche y quedate mañana todo el dia.(- Oder zieh in meine Nähe und besuche mich. Dann blieben keine Zweifel und kein Schmerz in unseren Herzen. Verbring die Nacht hier und morgen den ganzen Tag.)
Vor dem Fenster glitten nun langsam die großen und alten Bäume des Parque Aguirre vorbei, die wohl einzigen noch lebenden Augenzeugen der reichen und mystischen Geschichte dieser Stadt. In ihrer majestätischen Erhabenheit erinnerten sie mich an all die Legenden, die sich um Santiago rankten.
Wir näherten uns dem Zentrum. Mein Herz raste vor Freude als ich die vertrauten Straßenecken wahrnahm und die Erinnerungen auf mich einstürzten. In der Rivadavia meinte ich den Geruch von gebratenem Fleisch wahrzunehmen und entdeckte den Milanesawagen „El Gato“, an dem bereits die Vorbereitungen für den Tag getroffen wurden. Zu diesem Zeitpunkt gelang es mir bereits nicht mehr meine Euphorie für mich zu behalten und ich merkte, wie sich ein seeliges Lächeln auf meine Lippen stahl.
Princesa de todos mis palacios. Si me pudieran dar a elegir. Como y donde yo quisiera morir. Contestaría acostado.Feliz de estar a tu lado. (- Prinzessin all meiner Paläste. Wenn Sie mich vor die Wahl stellen würden – wie und wo ich sterben wollte. Ich würde antworten: Im Bett liegend - und glücklich an deiner Seite zu sein)

Endlich passierten wir die Kreuzung auf die ich insgeheim die gesamte vierzehnstündige Reise gewartet hatte und vor der ich auch ein wenig Angst hatte. Esquina Guemes y Belgrano. Die Ecke, die Überschneidung der Straßen Guemes und Belgrano.
Eine einfache Straßenecke mit Kiosk, eine wie es viele gab in Santiago. Und doch soviel mehr. Heimat für ein Jahr für mich..
Und als die Straßenschilder dann wirklich vor mir auftauchten war ich mir sicher, dass es in diesem Moment keinen besseren und richtigeren Ort auf dem ganzen Planeten geben könnte als diesen. Santiago del Estero. Stadt und Lebensphilosophie. Dieses Fleckchen Erde, dem es mit spielender Leichtigkeit gelingt, so viele Menschen in seinen Bann zu ziehen und ihre Herzen zu gewinnen. Nunca hay un adios total siempre es „nos volveremos a ver“ en algun lugar del tiempo.( - Nie gibt es ein absoluten Abschied, es ist immer ein „wir werden uns wiedersehen“, irgendwann und irgendwo.)
Nos volveremos a ver.



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