Was
wäre, wenn wir alle scheinbaren Wahrheiten über die Krisen der letzten Jahre
vergessen würden? Was wäre, wenn wir die Erkenntnisse auf den Kopf stellen
würden, die seit den ersten Anzeichen eines wirtschaftlichen Strauchelns der
Südländer durch die Medien geistern? Was wäre wenn es nicht eine Krise der
wenig konkurrenzfähigen Industrien der Länder des Südens ist, sondern ein
Scheitern der Logik des „immer mehr haben Wollens“ und der
Durchrationalisierung menschlichen Lebens?
Dann
wäre es keine Krise des Südens mehr, sondern eine Krise des Nordens, der diese
Logik jahrelang forcierte und dabei übersah, dass Freundschaft, Müßiggang,
Familie und Zusammenhalt mehr sind, als nur Gefühlsdusselei, sondern vielmehr
essentielle und sinnstiftende
Bestandteile des menschlichen Daseins.
Wir
erleben also die Krise eines Weltbildes, das mit dem Anspruch antritt, alles
auf eine Zahl reduzieren zu können und dabei jeglichen kulturellen Unterschied
einebnet. Diese These vertritt Sebastian Schoepp in seinem neuen Buch Mehr Süden wagen.
Schoepp,
seit 2005 außenpolitischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung und versierter
Kenner des Südens, stellte bereits 2011 mit seinem Lateinamerikabuch Das Ende der Einsamkeit – Was die Welt von
Lateinamerika lernen kann eine beeindruckende Kenntnis der Eigenheiten und
Geschichte Lateinamerikas unter Beweis.
Seine Reise durch die als Krisenstaaten verunglimpften
Länder Spanien, Italien und Griechenland offenbart die unglaublich vielseitige,
gewachsene Kultur dieser Länder, ihre besondere Menschlichkeit und ihre große
integrative Kraft, die bereits Goethe und Max Weber schätzten und die für ein
geeintes Europa eine weit größere Rolle spielen könnte, als die eines Instruments
zur Befriedigung folkloristischer Urlaubssehnsüchte. Denn eine Lehre sollten
wir aus den Krisen gezogen haben: Europa kann nur als ein Miteinander funktionieren, in dem die Kulturen der Einzelstaaten
ernst genommen und als wertvoll respektiert und nicht vom nördlichen Effizienzdenken
eingeebnet werden.
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