Aufbruch?

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Sonntag, 15. Februar 2015

Buchbesprechung: Mehr Süden wagen

Was wäre, wenn wir alle scheinbaren Wahrheiten über die Krisen der letzten Jahre vergessen würden? Was wäre, wenn wir die Erkenntnisse auf den Kopf stellen würden, die seit den ersten Anzeichen eines wirtschaftlichen Strauchelns der Südländer durch die Medien geistern? Was wäre wenn es nicht eine Krise der wenig konkurrenzfähigen Industrien der Länder des Südens ist, sondern ein Scheitern der Logik des „immer mehr haben Wollens“ und der Durchrationalisierung menschlichen Lebens?
Dann wäre es keine Krise des Südens mehr, sondern eine Krise des Nordens, der diese Logik jahrelang forcierte und dabei übersah, dass Freundschaft, Müßiggang, Familie und Zusammenhalt mehr sind, als nur Gefühlsdusselei, sondern vielmehr essentielle und sinnstiftende  Bestandteile des menschlichen Daseins.
Wir erleben also die Krise eines Weltbildes, das mit dem Anspruch antritt, alles auf eine Zahl reduzieren zu können und dabei jeglichen kulturellen Unterschied einebnet. Diese These vertritt Sebastian Schoepp in seinem neuen Buch Mehr Süden wagen.
Schoepp, seit 2005 außenpolitischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung und versierter Kenner des Südens, stellte bereits 2011 mit seinem Lateinamerikabuch Das Ende der Einsamkeit – Was die Welt von Lateinamerika lernen kann eine beeindruckende Kenntnis der Eigenheiten und Geschichte Lateinamerikas unter Beweis.
Seine Reise durch die als Krisenstaaten verunglimpften Länder Spanien, Italien und Griechenland offenbart die unglaublich vielseitige, gewachsene Kultur dieser Länder, ihre besondere Menschlichkeit und ihre große integrative Kraft, die bereits Goethe und Max Weber schätzten und die für ein geeintes Europa eine weit größere Rolle spielen könnte, als die eines Instruments zur Befriedigung folkloristischer Urlaubssehnsüchte. Denn eine Lehre sollten wir aus den Krisen gezogen haben: Europa kann nur als ein Miteinander funktionieren, in dem die Kulturen der Einzelstaaten ernst genommen und als wertvoll respektiert und nicht vom nördlichen Effizienzdenken eingeebnet werden. 

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