Puzzle im Kopf
Viel Halbes und nichts Ganzes
Aufbruch?
Sonntag, 15. Februar 2015
Pachamamas‘ Leibgarde
(Ursprünglich veröffentlicht bei den Kameradisten )
Ich möchte diesen Beitrag nicht mit einem Lamento über die schreckliche Ungleichheit, die klaffende Lücke zwischen Arm und Reich oder die korrupte Politikerklasse in vielen Ländern Südamerikas beginnen, möchte nicht schockiert von den Missständen erzählen, die einem in Argentinien und vielen Ländern Südamerikas begegnen können und werden.
Erzählungen davon gibt es schon genug und ich möchte hier nichts verschweigen oder beschönigen: diese Missstände sind Teil der Realität des Subkontinents. Dennoch erscheint es mir bisweilen, als ob die vielen Reiseblogs und Reportagen sich nur auf die dunklen und tragischen Geschichten stürzten und darüber vergessen, warum es Jahr für Jahr tausende Rucksacktouristen, Kulturbegeisterte und Auswanderer in die Länder Südamerikas zieht.
Stattdessen möchte ich das Prinzip umkehren und von den zahlreichen Lamenti ausgehen, die in den letzten Monaten und Jahren den Ereignissen in Europa gewidmet wurden und versuchen, mithilfe von Konzepten alter und nahezu vergessener indigener Kulturen Südamerikas einen möglichen Ausweg aufzuzeigen.
Europa (und mit Europa letztlich die gesamte westliche Welt) steht seit nunmehr 6 Jahren vor immer wiederkehrenden Problemen, die das vorherrschende Lebens- und Wirtschaftsmodell in Frage stellen und den Wohlstand massiv bedrohen. Klimawandel und multiple ökologische Katastrophen, zyklisch auftretende Krisen in Finanz- und Realwirtschaft und die damit einhergehende Perspektivlosigkeit einer ganzen, sehr gut ausgebildeten Generation junger Menschen führen immer wieder in Sackgassen und werden regelmäßig zu Zerreißproben für die internationale Gemeinschaft. Ein Begriff tritt im Zusammenhang mit der Sphäre des ökonomischen Handelns immer wieder ins Rampenlicht: Maßlosigkeit.
Die maßlose Gier der Banker, ein maßlos befeuerter Konsumismus und die maßloseEntfesselung der Marktkräfte werden als zentrale Urheber der Krisen angeführt, die uns in jene schwierige Situation gebracht haben, in der wir uns heute wiederfinden.
Dabei ist Maßlosigkeit in Verbindung mit der wirtschaftlichen Befriedigung von Bedürfnissen nicht einmal ein besonders neues Phänomen. Sie scheint vielmehr eng mit dem westlichen Wirtschaftsverständnis verbunden zu sein. So warnte Aristoteles (384-322 v. Chr.) die Stadtgesellschaft des antiken Athens vor Irrwegen und fehlenden Grenzen:
Grund für die Gesinnung [die Maßlosigkeit] ist die emsige Bemühung um das Leben, doch nicht um das gute Leben, weil aber jenes Begehren ins Grenzenlose geht, so begehren sie auch unbegrenzte Möglichkeiten, dies zu bewerkstelligen. (Aristoteles, Politik: 1257 b – 1258a).
1843 analysiert Karl Marx das Verhalten der Menschen mit den Worten:
Jeder Mensch spekuliert darauf, dem anderen ein neues Bedürfnis zu schaffen, um ihn zu einem neuen Opfer zu zwingen, um ihn in neue Abhängigkeit zu versetzen und ihn zu einer neuen Weise des Genusses und damit des ökonomischen Ruins zu verleiten.(ökonomisch-philosophische Manuskripte, Heft III).
Und bis heute definiert jedes Standardwerk zur Einführung in die Volkswirtschaftslehre die Bedürfnisse der Menschen als prinzipiell grenzenlos.
Die Ankunft der zivilisierten Welt
Man darf sich den Moment durchaus als komisch, vielleicht sogar verstörend vorstellen, in dem die von den geschilderten Wirtschaftskonzepten geprägten Europäer um 1500 in Städte wie das bolivianische Potosí einfielen und feststellen mussten, dass die begehrten Edelmetalle Gold und Silber zwar im Überfluss vorhanden waren und durchaus als schmückende Elemente Verwendung fanden, jedoch keine nennenswerte ökonomische Bedeutung hatten. Eine Silber-und Goldmenge, die der Legende zufolge zum Bau einer Brücke zwischen Potosí und Madrid ausgereicht hätte, blieb also ökonomisch weitestgehend ungenutzt. Zwar hatten die Inka die Silbervorkommen desCerro Rico schon entdeckt und das Silber fördern lassen. Anders als die Europäer verfolgten sie jedoch keine auf Wachstum ausgerichtete wirtschaftspolitische Strategie (in Europa herrschte die ökonomische Schule des Merkantilismus), sondern lebten nach den Gesetzen des Sumak Kawsay (Buen Vivir = Gutes Leben). Dieses Konzept des guten Lebens hatte in der indigenen Tradition den Status einer Ethik inne und verfügte über ein gewachsenes System von Werten und Normen. Im Zentrum dieses Systems steht das überlebenswichtige Miteinander von Mensch und Natur. Die Pachamama, die heilige Mutter Erde, wird in den Stand eines eigenständigen Subjekts erhoben, ihre Rechte und Unversehrtheit zu schützen hat einen ebenso großen Stellenwert wie der Schutz der Rechte eines Mitmenschen. Diese zentrale Rolle der Natur prägt die gesamte Ausgestaltung der Gesellschaft entscheidend: Wirtschaftliche Entwicklung nach der Logik „höher, schneller, weiter“ wird ausgeschlossen, eine lineare Entwicklung vonunterentwickelt zu entwickelt hat im Denksystem des Sumak Kawsay keinen Platz. Stattdessen herrscht das Verständnis einer qualitativen, lebenslänglichen Entwicklung. Materieller Wohlstand tritt hinter das Ziel eines Lebens im Einklang mit der Natur zurück und verliert gegenüber zentralen Werten wie Wissen und Erfahrung, sozialer und kultureller Anerkennung an Bedeutung.
Kleinbauern und Agrarmultis: Die Geschichte wiederholt sich
Eduardo Galeano schreibt im Vorwort der 11. Auflage seines Klassikers Die offenen Adern Lateinamerikas, dass er von Auflage zu Auflage hoffe, der Inhalt seines Buchs werde an Aktualität verlieren und die Tragik Lateinamerikas eine Ende finden. Statt der Erfüllung dieser Hoffnung müsste er seinen Klassiker wahrscheinlich mittlerweile um einige Tragödien ergänzen. Das Phänomen des Landgrabbings liese sich dabei problemlos als ein weiteres Kapitel nahtlos einzureihen.
Und, ähnlich wie im Potosí zu Zeiten der Eroberung des Subkontinents, treffen auch in diesem Kapitel zwei vollkommen unterschiedliche Wirtschafts- und Lebensführungskonzepte aufeinander. Während die Kleinbauern im Inland der ProvinzSantiago del Estero ein Leben der Anpassung an die harten klimatischen Bedingungen führten und Konzepte zur Bewirtschaftung des trockenen, nahezu entvölkerten Gebiets entwickelten, ist die große, industriell nicht erschlossene Landschaft für große, global agierende Agrarunternehmen schlicht ungenutztes Kapital. Ohne Rücksicht auf Bewohner, Traditionen und das empfindliche Ökosystem werden riesige Flächen aufgekauft und mit Monokulturen (besonders Soja und Mais) bewirtschaftet. Orientierung bietet dabei allein die herrschende Marktnachfrage und eine gnadenlose, kapitalistische Logik. Langfristige ökologische Planung, Berücksichtigung der lokalen Bevölkerung und Kultur oder eine Perspektive über den nächsten Quartalabschluss hinaus, haben im Denken der Lenker dieser Unternehmen keinen Platz.
In dieser Ignoranz könnte im Fall der Kleinbauernbewegung in Santiago del Estero nun ein großer Vorteil der Kleinbauern liegen, die den reichen Enteignern tapfer Paroli bieten. In den Landgebieten Santiagos wird bis heute Quichua, ein Dialekt der Inkasprache Quechua, gesprochen und werden Tradition des Inkaerbes gelebt. Diese Tradition zeigt sich nicht zuletzt im Umgang mit dem Kampf gegen die Übermacht der internationalen Investoren. Denn die hoch spezialisierten und bestens bezahlten Anwälte aus den Rechtsabteilungen der Unternehmen sehen sich einem Gegner gegenüber, der sich nicht von Finanzkraft und investorenfreundlichen Gesetzesauslegungen unterkriegen lässt. Der materiell überlegenen Wirtschaftslobby setzt das Movimiento Campesino Santiago del Estero – via Campesina (MOCASE-VC) ein solidarisch organisiertes Netzwerk entgegen, das sich mit dem Mut der Verzweiflung und einem bedingungslosen Füreinander gegen die Vertreibung aus ihrer Heimat und von ihren traditionellen Anbaugebieten wehrt.
Und ausnahmsweise scheint sich hier zumindest die Möglichkeit eines Triumphs von David gegen Goliath zu ergeben und damit auch eine Chance für die Bewahrung der Idee des guten Lebens in Anlehnung an die Tradition des Sumak Kawsay gegen die Übermacht der Logik eines viele Male gescheiterten europäischen Verständnis des guten Lebens als maßloses Streben nach Mehr.
Tranquilidad - Ruhe
Tranquilidad
Una tarde
de domingo, pacifica y soleada,
con gusto a
Mate semidulce y tortilla.
Silencio-
solo
interrumpido por viento y marea.
Ebrio de
felicidad de estar a tu lado –
viendo el
va y ven de las olas del río-
En la tarde
pacifica del domingo.
Ruhe
Ein Sonntagnachmittag, sonnig und friedlich -
den bittersüßen Geschmack von Mate und Tortilla auf der
Zunge.
Stille,
unterbrochen nur von Wellen und Wind,
trunken vor Glückseligkeit an deiner Seite zu sein-
das Kommen und Gehen des Flusses betrachtend –
an einem friedlichen Sonntagnachmittag.Ankunft im Morgengrauen
Das laute Brummen
des grauen VW Polo weckte mich und erstaunt nahm ich die ersten Anzeichen des
anbrechenden Tages wahr. Aus den Lautsprechern tönte leise Andrés Calamaros
rauchige Stimme, „No hay olvido cuando existe la amistad y el respeto. El
recuerdo de momentos extrañables, de alegría y secretos“ (– Es gibt kein
Vergessen wo Freundschaft und Respekt existieren und die Erinnerung an ersehnte
Momente voller Freude und Geheimnissen.)
Ich erkannte das
Lied. Es trägt den Titel „Nos volveremos a ver“ - Wir werden uns wiedersehen
und war mir in den vergangenen Monaten ein treuer Begleiter gewesen.
Ja, es wird ein
Wiedersehen geben, ganz sicher. Ich war auf dem besten Weg dahin und die Zeilen
holten mich vollständig aus dem Schlaf ins Hier und Jetzt.
Der Blick aus dem
staubigen Fenster der Beifahrerseite lies mich noch mehr staunen. Alles kam mir
bekannt vor – die Schilder am Straßenrand „vendo artensania – verkaufe
Kunsthandwerk, die in regelmäßigen Abständen vorbeiziehenden Kakteen, der
Staub und die Salzspuren auf der hellen Erde. Fast meinte ich, trotz der
Motorengeräusche und den Tönen des dudelnden Rock Nacional, den morgendlichen
Gesang der Cuyuyos draußen hören zu können und das wohlige Gefühl von
Vertrautheit machte sich in mir breit.
Während die Gegend
allmählich städtischer wurde schien auch die Umgebung zu erwachen. Waren wir
bisher vollkommen einsam auf der Straße unterwegs gewesen, tauchten nun Jeeps,
Fahrräder und Motorräder auf der Straße auf.
Hätte ich noch
Orientierungsschwierigkeiten gehabt, sie wären mit dem Anblick der doppelt und
dreifach besetzen Zweiräder endgültig dahin gewesen. Kein Zweifel, ich war
zurück und näherte mich langsam der Mutter aller Städte.
Was sich bisher
als leichtes Kribbeln in der Magengegend angekündigt hatte, verwandelte sich
beim Anblick der Außenbezirke von La Banda – der „Stadt am anderen Ufer“ - in
pure Euphorie. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal Derartiges beim Anblick
von wellblechgedeckten Verkaufsständen fühlen würde.
Im Radio wurde
mittlerweile einer der Klassiker von Andrés Cabas gespielt: Hasta que
apareciste con tu fantasía. Y me pediste
que cantará esa canción, que tanto te sabías. (- Bis du
aufgetaucht bist, mit deiner Fantasie, und mich darum gebeten hast, dieses Lied
zu singen, das du bereits so gut kanntest) und in der Ferne konnte ich im
morgendlichen Nebel die rostige Silhouette der berühmtesten Brücke Santiagos
erkennen. Besungen in zahlreichen Liedern der santiaguenischen Folklore und der
Zeit trotzend schob sich der Puente Carretero über das grüne Bett des süßen
Flusses, des Río Dulce und mir war es als wolle er mich willkommen heißen, in
meinem Zuhause weit weg von daheim.
Pasa la noche con
migo bonita – verbring die Nacht mit mir meine Schöne.. Die letzten Takte
von Cabas „Bonita“ begleitete unsere Fahrt über die zweite Flussbrücke, den
Puente San Francisco Solano und die Einfahrt in Santiago Capital.
O mudate cercá así me visitas. Y no quedaran dudas ni
dolores en nuestros corazones. Pasa la noche y quedate mañana todo el dia.(- Oder zieh in meine Nähe
und besuche mich. Dann blieben keine Zweifel und kein Schmerz in unseren
Herzen. Verbring die Nacht hier und morgen den ganzen Tag.)
Vor dem Fenster
glitten nun langsam die großen und alten Bäume des Parque Aguirre vorbei, die
wohl einzigen noch lebenden Augenzeugen der reichen und mystischen Geschichte
dieser Stadt. In ihrer majestätischen Erhabenheit erinnerten sie mich an all
die Legenden, die sich um Santiago rankten.
Wir näherten uns
dem Zentrum. Mein Herz raste vor Freude als ich die vertrauten Straßenecken
wahrnahm und die Erinnerungen auf mich einstürzten. In der Rivadavia meinte ich
den Geruch von gebratenem Fleisch wahrzunehmen und entdeckte den Milanesawagen
„El Gato“, an dem bereits die Vorbereitungen für den Tag getroffen wurden. Zu
diesem Zeitpunkt gelang es mir bereits nicht mehr meine Euphorie für mich zu
behalten und ich merkte, wie sich ein seeliges Lächeln auf meine Lippen stahl.
Princesa de todos mis palacios. Si me
pudieran dar a elegir. Como y donde yo quisiera morir. Contestaría
acostado.Feliz de estar a tu lado. (- Prinzessin all meiner Paläste. Wenn Sie
mich vor die Wahl stellen würden – wie und wo ich sterben wollte. Ich würde
antworten: Im Bett liegend - und glücklich an deiner Seite zu sein)
Endlich
passierten wir die Kreuzung auf die ich insgeheim die gesamte vierzehnstündige
Reise gewartet hatte und vor der ich auch ein wenig Angst hatte. Esquina Guemes
y Belgrano. Die Ecke, die Überschneidung der Straßen Guemes und Belgrano.
Eine
einfache Straßenecke mit Kiosk, eine wie es viele gab in Santiago. Und doch
soviel mehr. Heimat für ein Jahr für mich..
Und
als die Straßenschilder dann wirklich vor mir auftauchten war ich mir sicher,
dass es in diesem Moment keinen besseren und richtigeren Ort auf dem ganzen
Planeten geben könnte als diesen. Santiago del Estero. Stadt und
Lebensphilosophie. Dieses Fleckchen Erde, dem es mit spielender Leichtigkeit
gelingt, so viele Menschen in seinen Bann zu ziehen und ihre Herzen zu
gewinnen. Nunca hay un adios total siempre es „nos volveremos
a ver“ en algun lugar del tiempo.( - Nie gibt es ein absoluten Abschied, es ist
immer ein „wir werden uns wiedersehen“, irgendwann und irgendwo.)
Nos volveremos a ver.
Buchbesprechung: Outlaws
Der Río Ter trennt im Gerona des Jahres 1978, kurz nach
dem Tod des Diktators Franco, zwei Welten. Auf der einen Seite die trostlosen,
behelfsmäßig errichteten Viertel, in denen die Ärmsten der Stadt hausen, auf
der anderen die Wohnblocks der Mittelschicht. Der Fluss bildet eine klare und
allgemein bekannte Grenze zwischen diesen Welten, die nicht überschritten wird.
Als Ignacio es doch tut, wird aus dem Durchschnittsjugendlichen mit guten Noten
die „Brillenschlange“ und er erlebt in dieser Rolle als Teil einer Jugendbande
einen Sommer im Rausch aus Drogen, Kriminalität, Sex und Gewalt.
Angelockt von der schönen Tere und Zarco, dem
draufgängerischen Anführer der Bande, lässt Ignacio sein kleinbürgerliches
Elternhaus für einen Sommer lang hinter sich und nimmt an den zahlreichen,
zunächst kleinkriminellen, Aktionen der Bande teil. Was mit
Handtaschendiebstahl und Marihuana beginnt, zieht jedoch sehr bald weitere
Kreise. Autodiebstähle, bewaffnete Banküberfälle und harte Drogen folgen und
mit dem Tod eines Bandenmitglieds und mehrere schwere Verletzungen zollen die
Jugendlichen auch dem zunehmend höheren Risiko ihrer Aktionen Tribut. Sah es zunächst so aus, als könnte nichts den
Erfolg von Zarcos Bande stoppen, endet der Sommer dann so plötzlich wie er
begonnen hatte. Eine gezielte Polizeiaktion Zarco nach einem missglückten
Banküberfall festnehmen und raubt der
Bande damit ihren Kopf. Die Bande zerbricht und Ignacio, der auf mysteriöse
Weise entkommen kann, kehrt auf die andere Seite des Flusses zurück, wo er sich
über die Jahre eine Existenz als angesehener Anwalt mit einer eigenen Kanzlei aufbaut.
In eben dieser Kanzlei holt ihn seine Vergangenheit
schließlich ein, als, gut zwanzig Jahre nach seiner Grenzüberschreitung, Tere
in seiner Kanzlei auftaucht und ihn darum bittet, Zarco als Anwalt zu
vertreten. Dieser hat es in der Zwischenzeit zum berühmtesten Verbrecher
Spaniens gebracht und einen Personenkult um sich aufgebaut, der Robin Hood sicherlich
gut zu Gesicht gestanden hätte. Ignacio nimmt, angetrieben von seinen starken
Gefühlen für Tere und dem idealistischen Glauben an eine Resozialisierung
Zarcos, das Mandat an und sieht sich mit einem Mal konfrontiert mit all jenen
Fragen, die er über die Jahre erfolgreich verdrängt hatte.
Javier Cercas schreibt über die Grenzen- und
Gesetzeslosigkeit der Jugend im Spanien der Jahre nach dem Tod Francos und
entführt den Leser in eine Welt, die von Freiheitsstreben, Skrupellosigkeit und
der Faszination des Verbotenen geprägt wird. Die wechselnden Gesprächspartner
des Erzählers, der als recherchierender Schriftsteller auftritt, beleuchten auf
eindrückliche Weise die verschiedenen gesellschaftlichen Sichtweisen und
Interpretationen des Phänomens der Jugendkriminalität.
Gesellschaftliche Zwänge, die Ausweglosigkeit des Unterschichtenmilieus und
romantisierende Stimmen werden ebenso berücksichtigt wie eine gnadenlose
Analyse des menschlichen Wesens und der Grenzen der Resozialisierung.
Javier Cercas: Outlaws
Erschienen im S. Fischer Verlag
Buchbesprechung: Neue Alte Fremde Heimat - in 14 Erzählungen um die Welt
Heimweh ist für die meisten Menschen
ein bekanntes Gefühl. Bei längeren Aufenthalten in der Fremde
überkommt es einen irgendwann unweigerlich, dieses Vermissen von
Gerüchen und Geräuschen, von Bräuche und Traditionen oder von
einfachen Kleinigkeiten, die einem im Alltag „zuhause“ oftmals
nicht einmal besonders auffallen.
Doch was vermissen wir eigentlich
wirklich, wenn wir an Heimweh leiden? Worin besteht für uns die
Heimat und das viel beschworene Heimatgefühl? Kann es auch eine
Heimat geben an Orten, die uns vollkommen fremd sind?
Mit Fragestellungen dieser Art
beschäftigten sich 14 Studenten des Instituts für Deutsch als
Fremdsprachenphilologie der Heidelberger Ruprecht- Karls-
Universität. Alle haben ihre vielfältigen Erfahrungen mit Heimat
und Fremde gemacht. Ein Teil der Gruppe weil sie für das Studium
ihrem Heimatland den Rücken gekehrt haben und nun in Deutschland
studieren. Die anderen, weil sie den Weg in die umgekehrte Richtung
gegangen sind und Deutschland verlassen haben, um an Universitäten
im Ausland zu studieren. Die Texte, die im Rahmen eines Seminars der
Dozentin Silvia Barkhausen zum Thema „Neue Alte Fremde Heimat“
entstanden sind, wurden 2012 in einem gleichnamigen Buch
veröffentlicht.
Authentisch und mitreißend entführen
die Autoren den Leser in ihre Heimatländer. In das Bolivien der
Militärdiktaturen (1964-1982), in die Konventionen und Pflichten des
Alltags der kolumbianischen Großmutter in Bogotá oder in das China
der Kulturrevolution Mao Zedongs (1966-1976).
Den Studenten ist eine tolle Sammlung
berührender Geschichten gelungen, die auf eine sehr persönliche Art
und Weise den Begriff von Heimat in Worte zu fassen versuchen.
Einziger Wermutstropfen ist der Preis,
der mit 19.90 € für ein Paperback doch eher stolz ausgefallen ist.
Silvia Barkhausen (Hg.)
»Neue Alte Fremde Heimat.In 14 Erzählungen um die Welt.«
260 Seiten · 14 Schwarz-Weiß-Fotos
13,5 x 21 cm · Broschur · € 19,90 (D)
€ 20,50 (A) · SFr 35,90 · ISBN 978-3-930378-88-3
Buchbesprechung: Mehr Süden wagen
Was
wäre, wenn wir alle scheinbaren Wahrheiten über die Krisen der letzten Jahre
vergessen würden? Was wäre, wenn wir die Erkenntnisse auf den Kopf stellen
würden, die seit den ersten Anzeichen eines wirtschaftlichen Strauchelns der
Südländer durch die Medien geistern? Was wäre wenn es nicht eine Krise der
wenig konkurrenzfähigen Industrien der Länder des Südens ist, sondern ein
Scheitern der Logik des „immer mehr haben Wollens“ und der
Durchrationalisierung menschlichen Lebens?
Dann
wäre es keine Krise des Südens mehr, sondern eine Krise des Nordens, der diese
Logik jahrelang forcierte und dabei übersah, dass Freundschaft, Müßiggang,
Familie und Zusammenhalt mehr sind, als nur Gefühlsdusselei, sondern vielmehr
essentielle und sinnstiftende
Bestandteile des menschlichen Daseins.
Wir
erleben also die Krise eines Weltbildes, das mit dem Anspruch antritt, alles
auf eine Zahl reduzieren zu können und dabei jeglichen kulturellen Unterschied
einebnet. Diese These vertritt Sebastian Schoepp in seinem neuen Buch Mehr Süden wagen.
Schoepp,
seit 2005 außenpolitischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung und versierter
Kenner des Südens, stellte bereits 2011 mit seinem Lateinamerikabuch Das Ende der Einsamkeit – Was die Welt von
Lateinamerika lernen kann eine beeindruckende Kenntnis der Eigenheiten und
Geschichte Lateinamerikas unter Beweis.
Seine Reise durch die als Krisenstaaten verunglimpften
Länder Spanien, Italien und Griechenland offenbart die unglaublich vielseitige,
gewachsene Kultur dieser Länder, ihre besondere Menschlichkeit und ihre große
integrative Kraft, die bereits Goethe und Max Weber schätzten und die für ein
geeintes Europa eine weit größere Rolle spielen könnte, als die eines Instruments
zur Befriedigung folkloristischer Urlaubssehnsüchte. Denn eine Lehre sollten
wir aus den Krisen gezogen haben: Europa kann nur als ein Miteinander funktionieren, in dem die Kulturen der Einzelstaaten
ernst genommen und als wertvoll respektiert und nicht vom nördlichen Effizienzdenken
eingeebnet werden.
Kompliziert globalisiert? Verantwortung heute: Global denken – lokal handeln
Global denken – lokal
handeln, diese Aufforderung des amerikanischen Umweltaktivisten David Brower
ist heute für viele Organisationen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit zentrales
Motto. Wieso eigentlich? Was haben kleine lokale Handlungen mit der großen,
komplizierten und schwer zu beeinflussenden Welt zu tun?
Wie einfach muss die
Welt früher einmal gewesen sein. Nein, ich meine damit nicht die Leichtigkeit
der Kindheit oder die Unkompliziertheit jener goldenen Jahre, als unbefristete
Arbeitsverträge noch eher Regel als Ausnahme waren. Nein, ich will nicht
jammern.
Worauf ich hinaus
möchte liegt in einer Zeit, die noch viel weiter zurück liegt. Ich möchte zurück
in die Zeit vor dem Jahr 1764. Wieso? Wer das Schulgeschichtswissen noch
halbwegs parat hat erinnert sich vielleicht, das in diesem Jahr James Watt der
Dampfmaschine zu einer neuen Effizienz verhalf und damit eine Entwicklung
anstieß, die als industrielle Revolution in die Bücher der Chronisten
Einzug hielt. Und die uns, neben all den Annehmlichkeiten einen ganz schönen
Schlamassel eingebrockt hat. Wovon ich rede?
Vom moralischen
Dilemma der globalisierten Welt.
Aber der Reihe nach…
Nahezu alle bekannten
moralischen Grundsätze und Handlungsanweisungen fußen auf Ethiken, deren
Autoren kein global vernetztes Wirtschaftssystem, keine Langstreckenflüge und
keinen günstige Elektrizität kannten. Egal ob wir Aristoteles, Thomas von Aquin
oder Immanuel Kant heranziehen, sie haben eines gemeinsam: Menschliche
Handlungen hatten in ihrem Verständnis Auswirkungen im Hier und Jetzt, maximal
innerhalb absehbarer Zeiträume. Und ihre Wirkungsmacht beschränkte sich auf das
Zwischenmenschliche, das aktuelle Miteinander. Und so blieb der Bereich
menschlicher Verantwortung relativ klein und überschaubar – moralische Maßstäbe
ließen sich verhältnismäßig leicht formulieren und anlegen. Und heute? Allein
die Entscheidung für eine bestimmte Sorte Fisch im Supermarkt hat Auswirkungen
auf verschiedenen Kontinenten.
Gefangen in
Südspanien wird dieser in Marokko verarbeitet, in Rumänien verpackt um
schließlich in Oberschwaben gebraten und verspeist zu werden Was früher für
einen Wahnsinn gehalten wurde, ist Dank arbeitsteiliger Produktion und
vernachlässigbaren Transportkosten, also Dank einer Hightech-Welt vollkommen
normal und sogar ökonomisch rentabel geworden. Entscheidungen und Handlungen,
die früher wenige Menschen in einem geographisch kleinen Raum und innerhalb
eines absehbaren Zeitrahmens betroffen hätten, kommen heute in Kontakt mit
Menschenleben auf verschiedenen Kontinenten.
Und das ist erst der
Anfang, denn zwei bedeutende Akteure habe ich bisher noch nicht einmal erwähnt.
Da ist zum einen die Natur, Ihr war der antike Mensch mehr oder weniger
ausgeliefert. Zwar konnte er seine Felder bestellen, Brücken oder Aquädukte
bauen und seine Gärten bewässern. Bewusste Macht über die Natur hatte er
dennoch in keinem Moment (na gut, Italien wurde von den Römern ganz unbewusst
entwaldet – heutige Urlauber bedanken sich).
Mit zunehmender
Anwendung von Technik steigerte sich aber auch der menschliche Einfluss auf ökologische
Zusammenhänge und entwickelte langsam aber stetig eine starke Eigendynamik. Und
ebenso plötzlich wie klammheimlich erweiterte sich unser Verantwortungsbereich
um einen ganz ordentlichen Brocken: Heute müssen wir uns bei unseren Handlungen
auch unsere Verantwortung gegenüber Mutter Natur bewusst machen.
Diese Verantwortung
ist es auch, die uns schließlich zum den letzten und schwächsten Betroffenen
unserer Handlungskette führt: Unsere Kinder, Enkel und Urenkel. Das hat mit
zwei wichtigen Zusammenhängen zu tun.
Erstens wirken sich
all unsere Einflüsse auf das Ökosystem, also unsere Umwelt, nicht mehr nur
regional, sondern global aus. Die Konsequenzen aller weltweit ausgeführten
Handlungen summieren sich also und haben auf diese Art und Weise eine nochmals
gesteigerte Auswirkung. Es würde deshalb nicht reichen, alle Menschen eines
Landes zur vernünftigem und nachhaltigem Handeln zu bringen – die Konsequenzen weltweiter
Unvernunft würden sich trotzdem auf künftige Generationen in diesem Land
auswirken.
Zweitens wirken sich
viele unserer Eingriffe in das Ökosystem in einer Art und Weise aus, die nicht
mehr oder nur sehr langsam umkehrbar ist.
Konnten sich die
Menschen vor der Industrialisierung bei ihrem Streben nach moralisch richtigem
Verhalten an Auswirkungen auf das zwischenmenschliche Hier und Jetzt
konzentrieren, sehen wir uns heute zusätzlich mit der Dimension globaler
Auswirkungen und der Dimension zukünftiger Folgen gegenwärtigen Handelns konfrontiert.
Wer die Vorzüge einer
globalisierten Welt also genießt und die mit diesen Vorteilen einhergehende Verantwortung
gleichzeitig von sich weist, muss also zumindest den Vorwurf der
Widersprüchlichkeit über sich ergehen lassen. Denn bei der Suche nach einer
globalen Ethik gilt vor allem eins: Der Einzelne alleine kann zwar nichts
ändern, es ändert sich aber auch nichts,
wenn der Einzelne sich nicht ändert.
Also: Jeder trägt Verantwortung!
Ganz schön gewichtig,
diese Bürde? Nicht wirklich – viel eher ist sie der Preis dafür, dass wir die
Reise in den Italienurlaub nicht mehr in der Kutsche antreten müssen, wie zum
Beispiel Goethe. Oder eben per Holzsegelboot nach Argentinien wie die
spanischen Eroberer.
Denn wie wir Schwaben
schon lange wissen:
Umsonst ist nur der Tod und der wird mit dem Leben bezahlt!
Abonnieren
Posts (Atom)